Entwicklung der Bluegrass-Szene in Deutschland

Vierziger bis Sechziger Jahre

Ca 10% des Country-Radioprogrammes von AFN war Bluegrass. (*AFN = American Forces Network (AFN) ist ein weltweites Netz von Rundfunkeinrichtungen der US-amerikanischen Streitkräfte(Soldatensender).

Von 1943 bis in die 1990er-Jahre stand AFN für die Rundfunkaktivitäten des US-Militärs im westlichen Mitteleuropa. (*Quelle: Wikipedia)

Damals gab es im Wesentlichen Musik von Bill Monroe, Lester Flatt & Earl Scruggs, Don Reno & Red Smiley, den Osborne Brothers und den Stanley Brothers zu Hören. Dieser Sender wurde von Amerikanischen Soldaten, die in Deutschland stationiert waren genutzt. Aber auch einige deutsche Mit-Hörer beteiligten sich z.B. mit Programmwünschen.

Ab Mitte der 50er Jahre konnte man von ersten deutschen Country Musikern hören, wie Frank Baum, Chuck Herrmann oder Armin Edgar Schaible alias Eddie Wilson.

Bluegrass entwickelte sich aber nur sehr zögerlich in Deutschland Doch das Konzert-Büro Lippmann & Rau veranstaltete vom 1. bis 20. März 1966 das Festival of American Folk & Country Music.

Es gab einen Querschnitt durch die amerikanische Folklore, von Old Time Music über Cajun bis hin zu Bluegrass zu hören. Hamburg, Genf, Köln, London, Stockholm, Kopenhagen, Berlin, München und Basel waren Sationen des Festivals. Das SWF-Fernsehen drehte in Baden-Baden sogar eine Dokumentation. Leider wurde das Festival aber nicht wiederholt.

Musikalische Größen wie Cousin Emmy und Roscoe Holcomb kamen mit ihrer Old Time Music, Cyp Landreneau war mit seiner Band aus den Bayous von Louisiana dabei und sogar die Stanley Brothers mit ihren Clynch Mountain Boys kamen aus den Bergen von Virginia. In Deutschland traf diese Musik auf Unverständnis die Headline des „Spiegel“ zum Festivalbericht lautetem„Die Kuh kalbt“

Die AFN-Sendungen aus jenen Tage erhilten den Bluegrass-Sound im Bewusstsein einiger Fans lebendig. Es entstanden kleine Country Clubs und Vereine, über die man an Adressen kam, bei denen man Platten der Firma Starday, die sich auf Bluegrass spezialisiert hatte, bestellen konnte. Bald gab es auch private deutsche Importeure.

Siebziger Jahre

Die wahrscheinlich erst deutsche Bluegrass-Formation, „Country’Vival Ltd.“ aus Hamburg tauchte 1972 auf mit Skiffle und Bluegrass. Mitte der 70er Jahre kam „Bluegrass Express“, mit dabei waren zwei Musiker, die im Laufe der kommenden Jahrzehnte die deutsche Bluegrass-Szene mitprägen sollten, die Brüder Ulrich Sieker (Gesang, Mandoline, Fiddle) und Rolf Sieker (Banjo). Die Gruppe „Edison Way“ experimentierte ebenfalls Mitte der 70er Jahre mit einer Mischung aus Folk und Bluegrass

Achtziger Jahre

in den 80er Jahren fiel eine Band aus Regensburg auf, die Gruppe „Chambergrass“, eine Formation um den Sänger und Banjospieler Rudi Beer, die Bluegrass Music mit bayrischen Texten präsentierte. Im Verlauf der 80er Jahre verwandelte sich die ursprünglich holländische Band „Groundspeed“ in eine deutsche Gruppe und der Banjospieler Rüdiger Helbig startete in München mit seiner Band „Kentucky Bluefield“. Ebenfalls aus München kam die Gruppe „Main Spring“. Eine der beständigsten deutschen Bluegrass Bands, „Sacred Sounds Of Grass“, mit den Brüdern Thilo und Sam Hain, begann 1979 mit Bluegrass Gospel Music und wird auch heute noch bei den Festivals gefeiert.

Neunziger Jahre

Gruppen, die vor allem im Süd- und Südwestdeutschen Raum bekannt wurden sind bezw. waren „Main Spring“, „Helmut & The Hillbillies“, „Rawhide“, „Blue Side Of Town“, „Shady Mix“ und seit 1998 auch die Band „Night Run.

Das wohl älteste deutsche Country Music Festival, das auch immer wieder Bluegrass Music präsentierte, war Anfang der 60er Jahre in Neusüdende bei Oldenburg durch Reinhard Pietsch und ein paar anderen Enthusiasten ins Leben gerufen worden und hatte im Verlauf der Jahrzehnte Top Stars wie Bill Monroe und die Osborne Brothers angelockt. Leider ist dieses Festival in seiner bisherigen Form, seit Mitte der 80er Jahre unter der Leitung von Klaus Grotelüschen, 2006 zum letzten Mal abgehalten worden.

2000 – Heute

Um das Vakuum, das Neusüdende hinterliess auszugleichen hat sich am 13. September 2008 deshalb in Greven (NRW) eine Gruppe zusammengefunden, die es sich zur Aufgabe gemacht hatte, das Erbe von Neusüdende zu schultern. Es wurde ein Verein gegründet geführt von Olaf Gläsmer, Uli Sokoll und Thomas Vössing um ab Pfingsten 2008 in Greven an der Ems ein Festival im Geiste von Neusüdende zu veranstalten. Dieses Festival bringt seit dem kontinuierlich Bands und Interpreten des Bluegrass und der Americana Musik als auch lokale Musiker an die Ems. Möchte man Grevengrass als Fortsetzung des Neusüdende Festivals sehen, fehlt lediglich das Jahr 2007 in dieser Kette.

Ein weiteres gemischtes Country & Bluegrass – Festival wird seit 1982 in Kötz bei Günzburg veranstaltet. Ein jährliches Bluegrass Festival existierte von 1986 bis 2001 in Güglingen bei Heilbronn.

Auf einer Kleinkunstbühne in Bühl/Baden machte man positive Erfahrungen mit dieser Musik und Dank einer Initiative der Bühler Stadtverwaltung konnte das 1. Internationale Bühler Bluegrass Festival durchgeführt werden. Seit 2003 reisen Besucher aus ganz Europa an.

Seit 2009 tourt das Bluegrass Jamboree unter der Leitung von Rainer Zellner durch Deutschland. Der fachkundige Musik Agent, Konzertveranstalter und passionierte Mandolinenspieler versteht es, jedes Jahr die absoluten Top Interpreten dieses Genres nach Deutschland zu holen. In, meist ausverkauften, Häusern trägt Rainer Zellner maßgeblich dazu bei, Bluegrass in Deutschland bekannter zu machen. So begegneten sich beim Jamboree 2015 in Kassel einige verstreute Bluegrassfans aus Nordhessen, die von da an regelmäßige Bluegrass Sessions im Kasseler Raum veranstalteten und 2016 den Verein Folk- und Bluegrassfreunde Nordhessen e.V. gründeten.

Den Folk- und Bluegrassfreunden gelang es in den folgenden Jahren Bands wie das “Alison Brown Quartet”, Greg Cahills “Special Consensus” und Monroe Crossing” nach Nordhessen zu holen. Die “Munich String Band”, String Time, “Jungle Of Roots” und “Babes in the Grass” aus den Niederlanden, Stereo Naked und die Joon Laukamp Band aus Köln sowie die John Lowell Band aus Montana gehören zu den Freunden des jungen Vereins.

Seit 2017 veranstaltet der Verein ein kleines Bluegrass Festival unter dem Namen “Centergrass” mit deutlich steigenden Besucherzahlen.